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Bologna-Prozess

Auf dem Weg nach Europa

Die Umsetzung des Bologna-Prozesses bietet für die sächsischen Hochschulen vielfältige Chancen, sich innerhalb des europäischen Hochschul- und Wissenschaftsraumes zu profilieren. BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN haben die mit der Einführung von Bachelor- und Masterabschlüssen verbundenen Ziele einer größeren Internationalität und besserer Anschlussmöglichkeiten an die Berufswelt frühzeitig unterstützt und als Chance für die dringend notwendige Steigerung der Studierendenzahlen begriffen. Die Umsetzung dieses Prozesses an den Hochschulen verlangt einen mitunter enormen Aufwand für die wissenschaftlichen Mitarbeiter, Hochschullehrer, Fakultäten und Hochschulleitungen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen jedoch auch, dass nach einem schwierigen Einführungsprozess die deutlichen Vorteile für die Studienorganisation deutlich werden.

Die mit dem Bologna-Prozess einhergehende Veränderung des Bildungsbegriffs, die Aufwertung des Selbststudiums und die stärkere Akzentuierung von Schlüsselqualifikationen reagieren auf bestehende Defizite des bisherigen Studiums. Darüber hinaus ermöglicht die Differenzierung zwischen Bachelor und Master bessere Orientierung, stärkere interdisziplinäre Ausrichtung der Studiengänge und themenspezifische Vertiefungen. So können nicht zuletzt neue Impulse für die Forschung gesetzt werden. Dazu gehört auch, dass Hochschulen studentische Forschung als selbstverständlichen Bestandteil innovativen Studiums und Bereicherung hochschulischer Forschung ermöglichen.

Bologna w e i t e r machen? Konzepte gibt es für Bachelor und Master jenseits von Verschulung und Marktgängigkeit

Die mit der Einführung von Bachelor und Master verbundene Studienreform steht in Leipzig unter Dauerbeschuss, seit Mittwoch, 15. April protestieren deshalb Studierende der Universität gegen ihre Studienbedingungen. Anhaltende Organisations- und Kapazitätsprobleme sorgen für Ärger, darüber hinaus wird auch die Grundausrichtung des Bologna-Prozesses in Frage gestellt. Das ist Anlass genug, über alternative Konzepte für Bachelor und Master jenseits von Verschulung und Marktgängigkeit zu diskutieren. Im Rahmen der Hochschultour 2009 diskutierten rund 40 TeilnehmerInnen von Studierenden bis zur Verwaltung der Hochschule mit den Referenten.

Eingangs stellte Sven Deichfuß, Sprecher des StudentInnenrates der Universität Leipzig (www.stura.uni-leipzig.de), die aktuelle Problemlage an der Universität Leipzig dar. Die Realität zeigt die Studiengänge als zu verschult und unflexibel und mit wenig Spielraum für studentisches Engagement jenseits des Studiums. Zwar sind insbesondere die mangelnde Flexibilität der Wahlbereiche und die anhaltenden Einschreibungsproblemen hausgemacht, weitere Ursachen wie die Kapazitätsprobleme sind jedoch auf Landesebene zu verantworten. Ein großer Teil der Verschulung und mangelnden Flexibilität ist Deichfuß zufolge auf übergeordnete Richtlinien im Rahmen der europaweiten und nationalen Regelungen zurückzuführen.

Dr. Roland Bloch vom Institut für Hochschulforschung Wittenberg und Autor des Buchs „Flexible Studierende? Studienreform und studentische Praxis“ (www.hof.uni-halle.de) stellte die These in den Raum, dass die Strukturen der Bachelor-Studiengänge zwar flexible Studierende zum Ziel hätten, jedoch faktisch das Gegenteil des Gewünschten erreichen. Die aktuellen Studiengänge verhindern tendenziell die Erreichung zentraler Ziele wie Auslandsaufenthalte und individuelle Wissensprofile, sie ermunterten zwar zu effizientem Studieren, jedoch auf Kosten der akademischen Freiheit der Studierenden wie individueller Lernwege. Damit der Bolognaprozess seine eigentlichen Ziele erreicht, wäre mehr Flexibilität und Offenheit nötig.

Größere Flexibilität und Mobilität durch Bachelor-Studiengänge unbedingt weiterverfolgen

Christian Brei, Beauftragter für Neuausrichtung am Präsidium der Leuphana-Universität Lüneburg stellte das Studienmodell des Leuphana-College in Lüneburg vor (siehe für nähere Informationen: www.leuphana.de). Charakteristisch für den Leuphana-Bachelor ist eine einsemestrige Orientierungsphase, in der alle Studierenden vier Module durchlaufen.  Danach erfolgt das Studium in einem Hauptfach (Major), dem Nebenfächer hinzugewählt werden können. Hauptziele des Leuphana-Bachelors sind Persönlichkeitsentwicklung, Handlungsbefähigung und Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung.

Prof. Dr. Ingolf Max, Studiendekan der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie der Universität Leipzig (www.uni-leipzig.de) warnte vor einer Übertragbarkeit einzelner Modelle wie der Leuphana-Universität. Gleichwohl ist das Ziel größerer Flexibilität und Mobilität auch in Leipzig weiterzuverfolgen. Dabei ist es innerhalb der Studienstruktur möglich Veränderungen zu bewirken.

In der Diskussion mit den TeilnehmerInnen der Veranstaltung spielten die Anerkennung der Abschlüsse sowie die Durchsetzung der Reform in Lüneburg eine große Rolle. Trotz des  allgemeinbildenenden und kompetenzorientierten Fokus ist der Bachelor auch hier spezifischen Fächerkulturen verpflichtet, erklärte Christian Brei auf Nachfrage. Statt jedoch ausschließlich auf die Vermittlung fixer Curricula zu setzen, werde in Lüneburg auf die Erfahrung des Faches durch eine intensive und selbständige Beschäftigung mit ihrer Methode gesetzt. In einem Komplementärteil wird die Beschäftigung mit Haupt- und Nebenfächern zusammengeführt. Eine Auslandssemester ist in die Studienplanung integriert. Die Prüfungslast ist durch eine einzige Prüfungsleistung pro Modul in der Regel deutlich zurückgefahren. Diese Strategie einer Wahrung der akademischen Freiheit selbstständiger und übergreifender Selbstbildung entspreche auch den Humboldtschen Idealen einer Charaktererziehung durch Bildung.

Als entscheidendes Problem des Bologna-Prozesses bezeichnete Prof. Max die problematische Anerkennungspraxis von Studienleistungen. Die verschiedenen Bestandteile einer workload, Veranstaltungen und Elemente des Selbststudiums, werden an den Universitäten unterschiedlich berechnet – nicht nur jedes Modul, sondern jedes eine Bestandteil von Modulen müsse in der Praxis neu berechnet werden. Voraussetzung für die Realisierung alternativer Bologna-Konzepte ist deshalb die Einführung einer einheitlichen und vergleichbaren Berechnungsgrundlage.

Die Art und Weise der tatsächlichen Umsetzung eines Reformmodells wie in Lüneburg ist nach Ansicht von Sven Deichfuß entscheidend für den Erfolg alternativer Konzepte. Es sei umstritten, inwiefern der Prozess in Lüneburg offen, transparent und demokratisch abgelaufen sei, etwa vor entscheidenden Gremiensitzungen Dokumente nur kurzfristig zugestellt wurden. Christian Brei verglich die aktuelle Lage an der Uni Leipzig mit der Situation der Leuphana im Jahr 2006. Notwendig für eine Reform die alle Mitglieder mitnimmt, sind ein klarer Zeitplan und ein intensive Kommunikation auf allen Ebenen. In Lüneburg wurden in Vorbereitung von Entscheidungen unzählige Gespräche geführt, deren Ergebnisse in den Prozess eingeflossen sind. Prof. Max stellte für die Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie intensive Gespräche und Workshops für die weitere Umsetzung des Bologna-Prozesses in Aussicht.

Die Politik ist gefragt, um alternative Konzepte von Bachelor und Master durchzusetzen

Zum Abschluss der Diskussion wurde die Rolle des Wettbewerbs für die Entwicklung neuer Studienstrukturen intensiv diskutiert. Dr. Roland Bloch wies auf die explizite Wettbewerbsförmigkeit aller Hochschulreformen hin, die nicht nur aus Studierenden und Lehrenden, sondern auch aus ganzen Hochschulen Wettbewerber machten, die permanent ihre Rolle am Markt überprüfen und justieren müssten. Aus dem Publikum und von Sven Deichfuss wurde die Wettbewerbsförmigkeit von Hochschulen scharf kritisiert. Die eigentliche Aufgabe von Hochschulen, mittels kooperativer Prozesse selbständig denkende und demokratische Persönlichkeiten zu entwickeln sowie unabhängig zu forschen, werde damit untergraben. Christian Brei betonte demgegenüber, dass die Leuphana und andere Hochschulen im Wettstreit stünden: Wissenschaft ist Wettstreit, nur dadurch kommen bessere Ergebnisse zustande. Prof. Max entgegnete, dass eine Vergleichbarkeit und gemeinsame Standards die Voraussetzung für Wettstreit oder Wettbewerb sein – in der hoch differenzierten Wissenschaftslandschaft seien Lehr- und Forschungsleistungen kaum vergleichbar, Wettstreit also nur sehr eingeschränkt wahrnehmbar.

Als gemeinsames Fazit der Veranstaltung betonten alle TeilnehmerInnen, dass neben intensiven Diskussionen an den Hochschulen insbesondere die Politik gefragt sei. Erst durch Erhöhung personeller Kapazitäten und größere gesetzliche Spielräume für weniger Prüfungslast und klare Anerkennung von Studienleistungen sind alternative Konzepte von Bachelor / Master jenseits von Verschulung und Marktgängigkeit überhaupt durchsetzbar.

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