Chancen für Frauen
Mehr Gewicht für Frauen in der Wissenschaft
Die Verwirklichung der Zugangsgerechtigkeit für Frauen in Hochschule und Wissenschaft zeigt ein ambivalentes Bild. Mit den höheren Studierendenzahlen ist in den vergangenen Jahrzehnten auch der Anteil der Frauen an den Studierenden rasant gewachsen. Nicht nur in einigen Studiengängen, auch an ganzen Hochschulen studieren mittlerweile insgesamt mehr Frauen als Männer.
Dennoch zeigt sich nach Studienabschluss ein entgegen gesetztes Bild: deutlich weniger Frauen als Männer schaffen den Sprung in eine akademische Karriere als wissenschaftliche Mitarbeiterin oder Hochschullehrerin. Nur 14% der Professuren an sächsischen Hochschulen sind von Frauen besetzt, an den Universitäten ist der Anteil noch niedriger. Damit liegen die sächsischen Hochschulen im deutschen Durchschnitt, aber deutlich hinter dem Anteil in anderen europäischen Ländern.
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Exzellenz und Chancengleichheit? Wie ernst ist es der sächsischen Wissenschaft mit der Gleichstellung?
Über Chancen und Probleme der Gleichstellung an sächsischen Hochschulen diskutierten am 18. Mai knapp 50 Teilnehmer im Festsaal des Rektorats der TU Dresden. Prominente Podiumsteilnehmerin der Veranstaltung war Wissenschaftsministerin Stange, die gemeinsam mit Dr. Karl-Heinz Gerstenberg, Prof. Christa Cremer-Renz (Uni Lüneburg) und Daniela Heitzmann (Gleichstellungsmanagement TU Dresden) auf dem von Dr. Hildegard Küllchen (Frauenbeauftragte der TU Dresden) moderierten Podium debattierte.
Daniela Heitzmann stellte mit ihrem Eingangsreferat das Gleichstellungskonzept der TU Dresden in den Kontext der gleichstellungspolitischen Debatte in Deutschland. Insbesondere die gleichstellungspolitischen Standards der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) als auch die Teilnahme der TU Dresden am Professorinnenprogramm von Bund und Ländern konfrontierten exzellenzorientierte Hochschulen wie die TU Dresden mit starken Herausforderungen bei der Realisierung von Chancengleichheit. Immerhin liegt Sachsen seit Jahren im Bundesländervergleich im unteren Drittel bei der Realisierung von Chancengleichheit in der Wissenschaft. Um sich den Herausforderungen stellen zu können, hat sich die TUD verpflichtet, bis 2013 ein Drittel der neu zu berufenden Professuren mit Frauen zu besetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, seien umfangreiche Maßnahmen bei der Förderung der Gleichstellung notwendig, bei denen Chancengleichheit zugleich als Qualitätsmerkmal begriffen wird. Ein zentrales Element sei dabei „actice recruitment“, mit dem bei zu wenigen Bewerbungen von Frauen aktiv nach geeignetem weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchs gesucht wird.
Prof. Christa Cremer-Renz stellte ihre Erfahrungen mit dem Gleichstellungsprozess an niedersächsischen Hochschulen dar. Mit einem Frauenanteil von 25% aller Professuren ist Niedersachsen nach Berlin Spitzenreiter bei der Chancengleichheit von Frauen in der Wissenschaft. Voraussetzung dieses seit den 1990er Jahren verfolgten erfolgreichen Prozesses ist Cremer-Renz zufolge ein integriertes Zusammenwirken von klaren Zielvorgaben der Politik, wirksamen Instrumenten innerhalb der Hochschule und einer gleichstellungsbewussten Hochschulleitung, sowie einer Chancengleichheit einfordernden und mittragenden Basis der Hochschulmitglieder. Neben der seit den 1990er Jahren praktizierten 40%-Quote in Hochschulgremien sind nach Cremer-Renz gezielt eingesetzte Instrumente der Bewusstmachung von Diskriminierung wichtig. So werden etwa bei Berufungsverfahren nicht nur die Anzahl der Publikationen und Fachvorträge, sondern ebenso die Einflussfaktoren wie Elternzeit oder Angehörigenpflege herangezogen, um zu einer fairen Bewertung der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit von Bewerbern zu kommen.
Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange räumte in ihrem Statement ein, dass Sachsen ein erhebliches Defizit bei der Realisierung von Chancengleichheit in der Wissenschaft besitzt. Ein zentrales Ziel sei der Kulturwandel in einer männlich dominierten Wissenschaftswelt, der vor allem von den Hochschulleitungen ausgehen muss. Mit dem Wiedereinstiegsprogramm für Wissenschaftlerinnen und Unterstützungsmaßnahmen im Rahmen des Europäischen Sozialfonds biete der Freistaat entsprechende Unterstützung an. Allerdings ist der Abfluss der Mittel bisher unbefriedigend.
Dr. Karl-Heinz Gerstenberg hob mit Verweis auf die Verpflichtung der TU Dresden auf verbindlichere Zielstellungen bei der Realisierung von Chancengleichheit in der Wissenschaft ab. Ein ehrgeizige und auch provozierende Forderung der GRÜNEN ist es, bis 2020 jede zweite neue Professur mit einer Frau zu besetzen, was dem Ziel der TU Dresden sehr nahe kommt. Bei der Realisierung dieses Ziels kann es selbstverständlich um die Durchsetzung einer starren Quote gehen, sondern um die Formulierung eines Rahmens, der fächer- und fakultätsspezifisch ausgefüllt werden muss. Sinnvoll ist die Umsetzung nach dem Prinzip eines Kaskadenmodells nach den Vorschlägen von Wissenschaftsrat und DFG, nach dem auf jeder Qualifikationsebene der Frauenanteil der darunter liegenden Ebene angestrebt werden muss. Auf diese Weise müssen insbesondere auf der Ebene von Promotion und Habilitation Anreize für die Beseitigung der „leaky pipeline“ des weiblichen wissenschaftlichen Karrierewegs geschaffen werden.
Mit den Teilnehmern der Veranstaltung wurde kontrovers diskutiert, welchen Einfluss ehrgeizige Gleichstellungsziele auf die wissenschaftliche Qualität haben. Der Hinweis auf niedrige weibliche Bewerberzahlen und der notwendigen Absenkung von Berufungsstandards wurde von Daniela Heitzmann und Christa Cremer-Renz mit dem Instrument einer aktiven Rekrutierung von weiblichem Wissenschaftsnachwuchs bis hin zu Headhunting beantwortet. Die Frage, ob weibliche Nachwuchswissenschaftlerinnen bewusst das Karriereziel der Professur zu Gunsten einer anderen Lebensplanung aufgeben, wurde ebenso kontrovers diskutiert. Weniger die Professur an sich, als die traditionell damit verbundene Kultur eine ausschließlichen Widmung der Lebenszeit auf die wissenschaftliche Arbeit sei ein Problem für viele Frauen, aber auch Männer. Erst eine Veränderung dieser Wissenschaftskultur erhöht die Attraktivität für Frauen.
Zum Schluss der Veranstaltung wies Eckehard Wormser Kanzler der TU Dresden darauf hin, dass sowohl positive Anreize wie negative Sanktionen notwendig sein, um den offensichtlichen Widerspruch zwischen einer hohen Anzahl weiblicher Studierender und Promovierender und wenigen weiblichen Berufungen zu überwinden. Dabei müsse allerdings die gesamte Hochschule mitgenommen werden, um erfolgreich zu sein. Einig waren sich Podium wie Teilnehmer der Veranstaltung, dass das Thema künftig vertieft in einzelnen Aspekten diskutiert werden muss. Die Chancengleichheit in Wissenschaft bleibt auf der Tagesordnung.
» Download: Vortrag Prof. Dr. Christa Cremer-Renz, ehem. Rektorin der Universität Lüneburg
GRÜNE INITIATIVEN
Kleine Anfrage Förderung der Chancengleicheit in Forschung
und Lehre an sächsischen Hochschulen I
Kleine Anfrage Förderung der Chancengleicheit in Forschung
und Lehre an sächsischen Hochschulen II
Kleine Anfrage Professorinnen - Programm von Bund und Länder
Antrag zu Exzellenz braucht Chancengleichheit - die Hälfte der neuen Professuren bis 2020 an Frauen —› Hintergrundpapier zum Antrag
Rede von Dr. Karl-Heinz Gerstenberg zum Thema
Weiterführende Links
Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung
GEW zu Frauen in der Wissenschaft
Feministisches Institut der Heinrich-Böll-Stiftung
Download PDF:
CEWS - Hochschulranking nach Gleichstellungsaspekten
GESIS – Präsentation ‚Geschlechtergerechtigkeit an sächsischen Hochschulen - Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit an sächsischen Hochschulen Dresden’ (Stand: Mai 2009)
Gleichstellungskonzept der TU Dresden (Stand: März 2009)



