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Wissensgesellschaft

Der Begriff der Wissensgesellschaft ist längst gängiges Schlagwort in der politischen Debatte. Mit der inflationären Verwendung des Wortes werden jedoch auch mehr und mehr die unterschiedlichen gesellschaftlichen Bezüge und politischen Strategien deutlich, die sich mit der Wissensgesellschaft verbinden. Allzu oft wird über die ökonomische Bedeutung der Wissensgesellschaft ihre emanzipatorische Chance für die Einzelnen und die daraus hervorgehende Verpflichtung der Gesellschaft vergessen, Bildung als Bürgerrecht zu garantieren. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN verstehen die Entwicklung zu einer wissensbasierten Gesellschaft zugleich als individuelle Chance für mehr Selbstbestimmung, als Grundlage für andere Formen gesellschaftlicher Organisation und als Aussicht auf neue ökonomische und ökologische Perspektiven. Die Chance und Verpflichtung einer wissensbasierten Gesellschaft liegt dabei darin, die individuelle Reflexion eigener Lebenschancen, Lebensstile und ihrer individuellen wie gesellschaftlichen Gestaltung nicht nur einer schmalen intellektuellen Elite, sondern potentiell allen Mitgliedern der Gesellschaft zu ermöglichen. Die Einbeziehung breiter Schichten in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs eröffnet so die Möglichkeit, demokratische Beteiligung jenseits der klassischen Muster neu zu denken. Der Wandel hin zu wissensbasierten Ökonomien schließt darüber hinaus neue Optionen ressourcenschonenden Wirtschaftens jenseits der klassischen Wirtschaftsimperative ein. Grund genug, dass Sachsen den Weg in die Wissensgesellschaft entschiedener als bisher verfolgt.

Und dennoch wird die Bedeutung dieses Prozesses in Sachsen noch unzureichend wahrgenommen. Dabei ist längst klar: Wirtschaft und Politik, aber vor Wissenschaft und Hochschule sehen sich in einer zunehmend wissensbasierten Gesellschaft vor ganz konkrete Herausforderungen gestellt. Die steigenden Anforderungen an die individuellen Qualifikationen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern lassen die Prognose zu, dass zukünftig der Anteil an Studierenden eines Jahrgangs mindestens fünfzig Prozent betragen muss. [Link zu statistischen Prognosen und Daten, Wissenschaftsrat] Neben Forschung und Lehre treten Weiterbildung und wissenschaftliche Dienstleistung als tragende Säulen von Hochschule und Wissenschaft hinzu. Immer mehr Produkte und Dienstleistungen sind innovationsabhängig und lassen sich nur noch mit steigender Forschungsintensität entwickeln. Die Bedeutung von Studium und Lehre, von Forschung und Entwicklung wird weiter wachsen. Das erfordert eine neue Offenheit von Hochschule und Wissenschaft füreinander und Instrumente, die gesellschaftliche Anforderungen und wissenschaftliche Freiheit miteinander verbinden.

Dieser Bedeutungszuwachs fordert mehr Freiheit für die Akteure in Hochschule und Wissenschaft. Kreativität und Innovation entwickeln sich dabei nur wenn nicht nur institutionelle Freiräume geschaffen, sondern auch individuelle Freiheiten gewährt werden. Neben der umfassenden Selbständigkeit für Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen müssen auch die Akteure mehr Autonomie wagen können. Zur Freiheit des Studiums gehört die längst fällige Anpassung der Studienorganisation an die Lebenslagen der Studierenden - selbstbestimmtes Lernen im Sinne individueller Organisation von Studium, Arbeit und gesellschaftlichen wie privatem Engagement ermöglicht selbstbewusste, engagierte und kreative Mitglieder einer wissensbasierten Gesellschaft. Zentrale Voraussetzung für den Zugang zur Wissensgesellschaft ist eine hohe Studienqualität. Die klassische und von vielen immer noch vehement verfochtene Unterscheidung zwischen Bildung und Ausbildung, zwischen universitärer geistiger Reflexion einerseits und fachhochschulischer Anwendungsorientierung andererseits verwischt zusehends und eröffnet Perspektiven auf einen differenzierteren Bildungsbegriff, der beide Aspekte einschließt. Erst wenn Studium und Lehre nicht nur ein hohes Wissensniveau aufweisen, sondern auch die selbständige und kreative Aneignung und Reflexion von Wissen ermöglichen, sind Studierende und Absolventen für die Herausforderungen der Wissensgesellschaft gewappnet.

Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung können die sächsischen Hochschulen zum Zuwanderungsmotor werden. Schon jetzt sind die großen sächsischen Hochschulstädte urbane Zentren, die junge Studierende aus Deutschland und aller Welt anziehen. Mit den ab 2010 zurückgehenden Abiturientenzahlen in Sachsen sind die Hochschulen und Hochschulstädte mehr denn je auf auswärtige Studierende angewiesen. Darüber hinaus werden die Internationalität und Weltoffenheit einer der wichtigsten Voraussetzungen für innovative und lebendige Gesellschaften. Hochschulen spielen eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, dass Sachsen Zuwanderung und Multikulturalität als Chance begreifen kann.

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